
Ein Trauma ist die biologisch unvollständige Antwort des Körpers auf eine Situation, welche als bedrohlich empfunden wurde. Zu diesem Schluss kam der amerikanische Biologie, Physiker und Psychologe Dr. Peter A. Levine nach jahrzehntelangem Studium von Stress und Trauma. Mit seiner Methode des SOMATIC EXPERIENCING (SE) hat er neue Wege erkundet, wie Traumatas aller Art wieder aufgelöst und verabschiedet werden können.
Dr. Levine stellte sich nach intensiver Beobachtung von wild lebenden Tieren die Frage, wieso diese eigentlich gegen traumatische Symptome immun sind – obwohl sie häufig in bedrohliche Situationen geraten. Mit der Zeit begann er die Dynamik zu verstehen, die hinter diesem Faktum der Natur steckt. Das half ihm dabei, auch das Mysterium des menschlichen Traumaszu enthüllen. Dr. Levine sieht das “menschliche Tier” als ein einzigartiges Wesen an, das ebenfalls eine instinktive Fähigkeit zur Heilung besitzt und zudem auch vom intellektuellen Verständnis her Zugang zu dieser ihm innewohnenden Heilkraft besitzt. Was er bei Tieren in der freien Wildbahn beobachtete, setzte der ehemalige Berater der amerikanischen Raumfahrtsbehörde NASA also in eine für den Menschen gültige Therapie um.
“Ein Trauma ist im Nervensystem gebunden. Durch einschneidende Ereignisse hat dieses seine volle Flexibilität verloren. Wir müssen ihm deshalb helfen, wider zu seiner ganzen Spann- breite und Kraft zurückzufinden.” Dr. Peter A. Levine
Menschliche Reaktionen auf Bedrohung sind primär instinktiv und biologisch. Erst sekundär sind sie auch psychisch und kognitiv. Sie beinhalten drei angeborene Überlebensstrategien: Flucht, Kampf und Totstell-Reflex (Immobilität). Auf dieser Erkenntnis baut Peter A. Levines revolutionäre Methode zur Auflösung von Traumatas auf. Menschen haben wie wilde Tiere auch innewohnende biologische Systeme als Antwort auf eine bestehende Gefahr. So werden etwa in lebensbedrohenden Situationen enorme Kräfte entwickelt, die uns helfen, entweder zu fliehen oder zu kämpfen. Wenn wir von etwas überwältigt werden und dadurch weder zum Kämpfen noch zur Flucht kommen, bewegt sich unser Körper automatisch in einen Zustand von Erstarrung hinein.Das Nervensystem bleibt in diesem unbeweglichen, “eingefrorenen” Zustand hoch geladen. Die Situation im menschlichen Körper ist dann am besten mit einem Auto vergleichbar, bei dem gleichzeitig die Bremse und das Gaspedal voll durchgedrückt sind.
Hält dieser Zustand von Immobilität zu lange an, kann sich die enorme “eingefrorene” Energie nicht entladen, die hohe Aktivierung des Nervensystems bleibt bestehen. Als Folge davon bilden sich (oft erst nach Jahren) Krankheiten und andere Symptome, die schwerwiegend und auch chronisch werden können.Ein Trauma selbst ist keine Krankheit, es kann aber Symptome verursachen – zum Beispeiel Ängste, Übererregbarkeit, Panik, Hilflosigkeit, Depression, Dissoziation, Schlaflosigkeit, Migräne, Fibromyalgie oder Bindungsunfähigkeit. Ohne klaren Kontakt zu unseren Instinkten und Gefühlen können wir unsere Verbindungen nicht mehr wahrnehmen. Wir sprüren nicht, dass wir zum Planeten Erde, zu einer Familie oder zu einer Gruppe von Menschen gehören. Der Verlust dieser elementaren Verbindung führt dazu, dass unsere rationalen Gedanken Phantasien zu kreieren beginnen und der natürliche Respekt vor dem Leben verloren geht.
Bei Trauma geht es um den Verlust von Verbindungen. Das Fehlen von Verbindung ist die Wurzel von allen destruktiven und gewalttätigen Handlungen – ob die nun gegen sich selber, gegen andere oder gegen die Umwelt gerichtet sind. Trauma ist auch die biologisch unvollständige Antwort des Körpers auf eine bedrohliche Situation.
Die Ursachen von Traumatas können einerseits gravierende Ereignisse wie Krieg, Missbrauch, Gewalt, Unfälle, Operationen, schwere Krankheiten, Behinderungen, Folter, Naturkatastrophen, Verluste von lieben Menschen oder schlimme Verletzungen sein. Aber auch scheinbar alltägliche, unerwartete Ereignisse können einen überwältigenden Charakter haben und unter bestimmten Umständen traumatisierend sein. Stürze, invasive medizinische oder zahnmedizinische Behandlungen, Vergiftungen, Familiendynamiken, laute Geräusche, grosse Hitze und Kälte sowie mangelnde Bindung vor, bei und/oder nach der Geburt sind Gründe, die von der breiten Bevölkerung nicht gleich als traumatische Erlebnisse gesehen werden. Sie sind aber aus Dr. Levine Sicht nicht weniger bedrohlich für eine intakte Biologie des Menschen.
Im SE wird das Trauma neu verhandelt. Den KlientInnen wird geholfen, jene Ressourcen zu entwickeln, die ihnen bei der Traumatisierung fehlten oder nicht genügend stark vorhanden waren – so dass sie vom Ergebnis überwältigt wurden. Verteidigungskräfte werden aktiviert und treten an die Stelle des Überwältigt-Werdens. Auf dieser gestärkten Basis erfolgt die schrittweise Annäherung an das traumatische Erlebnis. Im sorgfältigen Pendeln zwischen den Ressourcen einerseits und der überwältigenden Erfahrung andererseits wird die “eingefrorene” Überlebensenergie “aufgetaut”. Die Auflösung erfolgt bewusst in kleinen Dosierungen, damit das menschliche System die Veränderung auch wirklich integrieren kann. Die lange Zeit unvollständig gebliebene Überlebensreaktion kommt dadurch zum natürlichen Abschluss – und damit auch die Trauma-Symptomatik.
SOMATIC EXPERIENCING (SE) ist ein kraftvolles Instrument zur Prävention und Heilung von Traumatas. Diese bahnbrechende Therapiemethode kann in unterschiedlichsten Lebensbereichen von Nutzen sein: für Ärztinnen und Ärzte, medizinisches Personal generell, in der Jugend- und Erwachsenenbildung, in der Psychotherapie, der Sozialpädagogik und Sozialarbeit, der Heilpädagogik in verschiedenen Formen der Körper- und Kunsttherapie, sowie für Krisen- und Notfallbetreuer wie Samariter, Polizei oder Feuerwehr.